Ich denke, dass es hilfreich ist, hier einmal einige Themenbereiche voneinander zu trennen, die Diskussion hat sich nämlich ziemlich verheddert:
Ob es die Wehrpflicht weiter gibt oder nicht und wie lange sie dauern soll, ist zunächst einmal eine politische Frage, die auch in der Politik entschieden werden muss. Zwei Aspekte führten zur jetzigen Situation: 1. Das Thema "Wehrungerechtigkeit", wenn nur noch gut 1/3 eines Jahrgangs tatsächlich zum Dienst gezogen werden. Die ist primär natürlich eine Frage des Maßstabs, also welche Tauglichkeitskriterien lege ich an, und welche Ausnahmetatbestände formuliere ich. Und sekundär sind dies politische Entscheidungen, die juristisch überprüfbar sein müssen, da mit der Wehrpflicht in das Selbstbestimmungsrecht junger Männer eingegriffen wird.
Die Politik orientiert sich einerseits an ihren Wählern - und bezieht andererseits den Sachverstand vieler Spezialisten ein. Ein gewichtiges Argument für die beibehaltung der Wehrpflicht ist es, dass unverändert bis in die Gegenwart hinein der GWD die "Rekrutierungsveranstaltung" für SaZ schlechthin ist. Heißt, weit über 50% der Saz verpflichten sich während oder nach ihrem GWD (Wiedereinsteller). Diese Quote wird jedes Jahr ermittelt und wurde nach der deutschen Einheit immer zum Hauptgrund für die Beibehaltung.
Eine zweite Frage ist die Sinnhaftigkeit eines neun, später sechsmonatigen Dienstes in den Streitkräften. Dies berührt vor allem die subjektive, persönliche Ebene des jeweiligen Betrachters. Die in den Postings hier geäußerten Beiträge sind fast ausnahmslos dieser Kategorie zuzuordnen. Und - ich betone dies ausdrücklich - sie stimmen in einigen Aspekten auch durchaus zu.
Im Rahmen der weiteren Um-/Ausgestaltung der Bundeswehr wird es zu weiteren Veränderungen kommen. So viel steht fest. Ich glaube auch, dass die Wehrpflicht so lange beibehalten werden wird, solange die Unionsparteien an der Bundesregierung beteiligt bleiben, da ich hier in den letzten Jahren keine signifikante Änderung feststellen konnte- und so lange das Rekrutierungsargument besteht, das, wie bereits angeführt, auch nicht zu wiederlegen ist.
Ich glaube auch, dass insgesamt die heutige Struktur der Bundeswehr immer noch den Versuch spiegelt, das Unmögliche miteinander zu verbinden, im Klartext, dass einerseits immer noch Kriegsromantik und andererseits der erfolgreiche Versuch, Claims für TSK und TrGttg erfolgreich zu verteidigen, Pate für viele Strukturentscheidungen steht. Als Beispiele seien genannt die hohe Anzahl von JaBoG bei der Luftwaffe. Kein einziger JaBo ist bisher in AFG zum Einsatz gekommen. Dafür fliegen sich die Besatzungen des AG 51 I einen Wolf und ruinieren ihre ohnehin schon zahlenmäßig reduzierten Flugzeuge. Aber auch im Heer dürfen wir uns fragen, ob die Struktur den Aufträgen angepasst ist, vor allem wegen zwei verschiedenen Rahmenbedingungen:
1. Werden Einsätze ausschließlich Joined und Combined durchgeführt. Dies zwingt eigentlich dazu, dass sich zumindest die NATO-Partner auf viel
mehr Aufgabenteiligkeit verständigen müssten, um ihre Strukturen und die Ausrüstung effizienter zu gestalten. Bisher ist dies allerdings erst in
marginalen Ansätzen geschehen.
2. Wird es nach meiner Beurteilung keine realistische Option für einen Erst-Kampfeinsatz geben, weil er politisch nicht durchsetzbar wäre. Der
Deutsche Bundestag wird immer nur Stabilisierungsoperationen beschließen. Wir im Heer halten uns aber eine Eingreifdivision...
Weiterhin stellen wir fest, dass z.B. die DSO zwei Zusatzaufträge hat: Nämlich mit je einem Kampfverband, bestehend aus 1 vstk FschJgBtl MilEvacOps und Kampf gegen irreguläre Kräfte zu leisten. Hierfür wären beide LLBrig auch mit Masse ihrer Stäbe, Verbände und Einh gebunden. Da die TrTle der DSO allerdings in den meisten EinsKtg mit nicht unerheblichem Anteil beteiligt sind, wären solche erforderlichen Einsätze in vielen Fällen das Worst Case Szenario, weil personell gar nicht mehr leistbar.
Dafür halten wir uns aber immer noch den Luxus, Panzer- und PzGrenBrig einschl. Ausrüstung vorzuhalten, die für die Eins auf andere Aufgaben und mit anderer Ausrüstung eingesetzt werden. Während so etwas wie Pioniere und Fernmelder fehlen oder
in der SKB SpezPi für den Betrieb der Feldläger einschließlich erforderlicher Rahmeninfrastruktur.
Aus meiner Sicht gibt es einige "Baustelen" für unseren neuen BMVg und die militärischen Führungsstäbe, dass ich hoffe, dass diese endlich einmal angegangen werden.