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Autor Thema: Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung  (Gelesen 24328 mal)

schlammtreiber

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Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung


In Afghanistan, das hat man mittlerweile mitgekriegt, läuft ein Krieg. Genauer gesagt ein asymmetrischer Krieg, ein Guerillakrieg, ein Aufstand. Dieser Konflikt entspricht nicht den Kriegen wie wir sie aus dem Geschichtsunterricht kennen, mit Frontlinien, großen Schlachten, einem klaren Anfang und Ende, sich offen bekämpfenden Armeen. Er ist unklar, mehr grau als schwarz oder weiß, schwer zu verstehen. Was wir nicht verstehen, das verunsichert uns, erscheint uns ohne Logik, wir erkennen kein Muster, evtl macht es uns Angst oder wir lehnen eine Beschäftigung damit ab weil wir es eben nicht verstehen. Wir wollen klare Antworten, aber die gibt es nicht.

Die folgende Liste gibt einen Überblick über Bücher, mit deren Hilfe man sich ein besseres Verständnis für dieses komplexe Thema verschaffen kann. Kurze Kommentare zu Inhalt und Autor sollen klar machen, womit man es eigentlich zu tun hat. Die Liste enthält sowohl Werke klassischer Strategie und Guerillastrategie, als auch Werke der Gegenseite, also Counterinsurgency („Aufstandsbekämpfung“), sowie eine speziellere Abhandlungen z.B. zu den Taliban oder historische Beispiele wie Vietnam, Irak etc

Für Nachfragen, Kommentare, Diskussion und so weiter gibt es einen extra Thread.

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schlammtreiber

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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #1 am: 07. April 2011, 17:06:56 »

Mao Tse-Tung: “On Guerrilla Warfare”, University of Illinois Press, Urbana/Chaicago 2000.

Guerillakriegführung zu verstehen ohne Mao zu lesen gleicht dem Versuch Theologie zu studieren ohne in die Bibel zu sehen. Man kommt an Mao einfach nicht vorbei. Seine Gedanken und Maximen wie den berühmten Satz vom Guerilla, der sich im Volk bewegen müsse „wie der Fisch im Wasser“, hat der spätere „Große Vorsitzende“ bereits während des Kampfes gegen die japanischen Besatzer entwickelt. Er ist stark von Lenin, Clausewitz und Sun Tsu beeinflusst und adaptiert ihre Ideen, um ein Regelwerk für den Kampf eines waffentechnisch unterlegenen Volkes gegen einen moralisch unterlegenen Feind (sei es ein Besatzer oder die eigene Regierung) zu schaffen. Dieses Regelwerk mag nicht zu 100% auf jede Situation übertragbar sein, aber es kommt nahe heran – Grundsätze wie der Erhalt der eigenen Kräfte, die langsame Abnutzung des Gegners, das vorläufige Vermeiden offener Gefechte, das Untertauchen in der Bevölkerung und die Einhaltung eines Verhaltenskodex um das Wohlwollen der Bevölkerung zu gewinnen sollte jeder Guerilla weltweit tunlichst beachten.
Mao ist auch deswegen Vorbild für viele Guerillas, weil er erfolgreich war. Sein Modell der „drei Phasen“ ist zwar danach in manch Konflikt gescheitert, aber es wird trotzdem weiterhin nachgeahmt, z.B. teilweise von den Taliban, wie mancher Beobachter feststellt. Mehrere andere Theoretiker des Guerillakrieges stützen sich auf Mao, und so ist sein Werk auch für das Verständnis ihrer Bücher unerlässlich.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:53:31 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #2 am: 07. April 2011, 17:07:17 »

Trinquier, Roger: „Modern Warfare. A French View of Counterinsurgency“, Praeger Security International, Westport 2006.

Trinquier gehörte zu jener Generation französischer Offiziere, die im Anschluss an die Demütigung von Niederlage und Besatzung 1940-44 den angeschlagenen Ruhm der Grande Nation zumindest in den Kolonien von Indochina und Algerien wieder herstellen sollten. Nach der Niederlage gegen den Vietminh meinte diese Generation der „Zenturionen“ das Grundmuster eines neuen, revolutionären (kommunistischen) Krieges erkannt zu haben und beschloss, in Algerien die richtigen Gegenmethoden anzuwenden, d.h. „die Samthandschuhe auszuziehen“. Militärisch weitgehend erfolgreich schufen sie damit allerdings das Bild vom „schmutzigen Krieg“, den Frankreich so nicht führen wollte und daher Algerien ebenfalls aufgab. Trinquiers Buch spiegelt dies wieder. Seine Methoden sind rau, Moral und Recht spielen eine untergeordnete Rolle. Es geht darum, mit geheimdienstlichen und polizeilichen Mitteln die verborgene Parteiorganisation des Feindes auszurotten, seine bewaffneten Kämpfer mit kleinen Kommandos zu jagen und zu vernichten, und auch vor Folter schreckt er nicht zurück. Es sind wirklich Methoden eines schmutzigen Krieges im Dunkeln mit dem Messer zwischen den Zähnen. Es sind Methoden, die heute als nicht mehr zeitgemäß und kontraproduktiv gesehen werden, aber lange hatten sie großen Einfluss auf das Denken insbesondere französischer Offiziere. Zur Nachahmung nicht empfohlen, zum Lesen durchaus, denn den riesigen französischen Einfluss auf moderne Counterinsurgency erfasst man nur, wenn man auch den „bösen“ Franzosen gelesen hat.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:54:06 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #3 am: 07. April 2011, 17:07:44 »

Galula, David: “Counterinsurgency Warfare. Theory and Practice”, Praeger Security International, London 2006.

Kniet nieder, Sterbliche, und huldigt St. David I. Wieso der erste? Nun, wäre Counterinsurgency eine Religion, dann wäre ich ein Mitglied der Kirche von der Heiligen Davidianischen Dreifaltigkeit. Der Prophet dieser Konfession wäre David Galula, der die Erkenntnis als erster predigte, unser Papst wäre David Kilcullen, der die reine Lehre interpretiert und verkündigt, und unser Messias ist David Petraeus, welcher sie wahr werden ließ auf Erden. Amen, Brüder.
Ernsthaft. David Galula ist der „gute“ Franzose, im Gegensatz zum „bösen“ Trinquier. Galula plädiert für den „population centric approach“: beschütze und kontrolliere die Bevölkerung, gewinne sie für dich, und der Guerilla wird zu Grunde gehen weil du ihn seiner Basis beraubt hast (den Fisch vom Wasser getrennt). Das ist der Gegensatz zum „enemy centric approach“ (vernichte den Guerilla, dann kontrollierst du wieder Land und Leute), und dieser „population centric approach“ ist quasi der aktuelle Mainstream in Counterinsurgency. Dabei wurde Galula, als er 1961 sein Buch schrieb, nicht viel Aufmerksamkeit zuteil. Seine Landsleute tendierten mehr Richtung Trinquier. Aber Galula wurde von Amerikanern „wiederentdeckt“ und fand 2006 über das neue Counterinsurgency Field Manual den Durchbruch. Genauere Angaben zum Inhalt spar ich mir, denn selbst lesen ist angesagt – wer Galula nicht gelesen hat, kann bei COIN nicht mitreden. Punkt.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:54:26 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #4 am: 07. April 2011, 17:08:05 »

Guevara, Ernesto (aka Che): “Guerrilla Warfare”, University of Nebraska Press, Lincoln 1998.

Guevara hat ein echtes Imageproblem wenn es um COIN-Theorie geht, und zwar ein doppeltes. Erstmal war er einfach “Che”, und damit ein seltsames Protest-Popkultur-Trend-Idol, auf T-Shirts gedruckt. Kann man den als COIN-Theoretiker dann überhaupt ernst nehmen? Ich meine, schon mal ein 15jähriges Girlie mit Dave-Kilcullen-T-Shirt gesehen? Sicher nicht. Aber Guevara konnte nicht nur gesetzlos in die Kamera gucken, er konnte auch schreiben, und er hat geschrieben, nämlich wie man zur Befreiung der geknechteten Massen Lateinamerikas Guerillakrieg führt. Das liest sich im Wesentlichen erst mal alles wie bei Mao (der außerhalb der VR China auch eher selten auf T-Shirts gedruckt wird, wohl weil er ein dicker Chinese und kein schnittiger Latino ist), und es ist in weiten Teilen auch dasselbe, aber einen wesentlichen Unterschied gibt es: Guevaras “foco”-Theorie, die quasi dem Revolutionsexport dient. Sie besagt, dass nicht unbedingt die Bedingungen für das Volk so mies sein müssen, dass es zur Revolution getrieben wird, sondern dass ein paar entschlossene Revolutionäre durch Terrorismus und Guerillakrieg diesen Zustand künstlich schaffen können (so ähnlich hatte das in Kuba ja funktioniert). Man könne also aus befreiten, revolutionären Ländern kleine Trupps in andere Länder schicken, und Viva la Revolucion! Und den Oberfeind, den Beschützer der Unterdrücker, die USA, könne man so ausbluten, indem man “zwei,, drei, viele Vietnams” schafft. Guevara hat auch in der Praxis versucht, so die Revolution nach Afrika und Bolivien zu exportieren – und damit kommen wir zum zweiten Teil des Imageproblems: er ist nämlich beim Versuch draufgegangen… Zugegeben, nicht gerade die beste Empfehlung für eine Theorie, wenn ihr Schöpfer beim Versuch der Beweisführung scheitert und stirbt. Aber trotzdem ist die Theorie nicht tot, denn z.B. Al Quaida weist heute noch deutliche focoista-Merkmale auf. Also ist es durchaus der Mühe wert, sich mit Guevara zu befassen.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:54:49 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #5 am: 07. April 2011, 17:08:22 »

Sun Tsu: „Über die Kriegskunst“, Marix Verlag, Wiesbaden 2005.

Der alte Sun Tsu (oder Suntsi oder Sun Ze oder wie immer man ihn transkribieren möchte…) gilt als der Großmeister asiatischer Kriegskunst, und er trägt diesen Titel zu Recht, denn nach tausenden von Jahren sind viele seiner Lehrsätze immer noch hochaktuell – auch und gerade für den Guerillakrieg, für die irreguläre Kriegführung. Fast alle ehernen Grundsätze des Guerillas findet man schon bei Sun Tsu: Weiche zurück wo der Feind stark ist, greife an wo er schwach ist, lege Köder aus, täusche den Feind, bleib in Bewegung, sei nicht zu fassen, behalte die Initiative, wähle Ort und Zeit der Schlacht selbst und kämpfe nur, wenn du sicher siegen wirst. Sun Tsu hat den Vorteil, dass man ihn schnell und einfach lesen kann – ein dünnes Büchlein mit poetisch anmutenden Merksätzen – und dank seiner bildhaften Vergleiche das Gelesene auch gut verinnerlicht. Am besten unter einem blühenden Kirschbaum im Schneidersitz lesen, mit einem Schälchen Tee dazu. Nur wegen der Atmosphäre…
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:55:09 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #6 am: 07. April 2011, 17:08:41 »

Clausewitz, Carl von: “Vom Kriege”, Cormoran Verlag, München 2000.

Es wird ja oft behauptet, Clausewitz sei veraltet und Sun Tsu modern, oder Sun Tsu sei einfach viel besser als Clausewitz. Ich behaupte mal ganz frech, dass dies zum überwiegenden Teil von Leuten behauptet wird, die Sun Tsu gelesen haben, aber Clausewitz nicht. Was verständlich wäre, denn Sun Tsus „Kriegskunst“ ist wie gesagt ein dünnes Büchlein, während „Vom Kriege“ jedem Telefonbuch Minderwertigkeitskomplexe beschert. Das Werk wurde posthum veröffentlicht, was wahrscheinlich daran lag dass Clausewitz sich totgeschrieben hat. Ehrlich, es ist eine wuchtige Masse die es da zu lesen gilt, aber es lohnt sich. Entgegen landläufiger Meinung eignet sich Clausewitz nicht nur für die konventionelle Kriegführung. Wer das behauptet hat z.B. die Kapitel über „Volksbewaffnung“ oder „Diversion“ nie gelesen oder kann Grundkonzepte des Werkes einfach nicht richtig deuten. Der berühmte Clausewitzsche „Schwerpunkt“, an dem es anzusetzen gilt, muss eben nicht immer die größte Masse an Feindtruppen sein, sondern kann eben auch die Bevölkerung darstellen bzw deren Unterstützung. Natürlich braucht man die detaillierten Berechnungen zur Länge und Geschwindigkeit einer Marschkolonne von fünfzigtausend Musketieren zu Fuß nicht wirklich, aber etliche Konzepte sind zeitlos und nahezu universal anwendbar. Mao wusste das, denn er hat seinen Clausewitz gelesen und anscheinend auch verstanden. Und wer sich wirklich mit Strategie beschäftigen will, sollte das auch tun.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:55:30 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #7 am: 08. April 2011, 14:57:53 »

Kilcullen, David: “The Accidental Guerrilla”, Oxford University Press, Oxford/New York 2009.

Es gibt mysteriöse Dinge, die sind schwer zu verstehen. Frauen zum Beispiel. Und Guerillas. Was Frauen angeht fragt man am besten den alten Kumpel aus der Grundschule, der mittlerweile einen Friseursalon betreibt und schwul geworden ist. Aber wenn es darum geht Guerillas zu verstehen, warum sie kämpfen, worum es ihnen geht, und wie man ihnen daher beikommt, da fragt man den obersten Guerillaversteher, David Kilcullen, aka St. David II., den Papst der heiligen davidianischen Dreifaltigkeit. „The Accidental Guerrilla“ ist ein Guerillaversteherbuch. Wer wissen will, warum völlig unberührte afghanische Bergstämme auf einmal zur Waffe greifen und scheinbar völlig grundlos auf der einen oder anderen Seite mitkämpfen, warum im Irak sunnitische Insurgenten erst mit Al Quaida gegen die Amerikaner, und dann plötzlich mit den Amerikanern gegen Al Quaida kämpfen, der ist hier richtig. Kilcullen erklärt die Motive verschiedenster Guerillas logisch und verständlich, zeigt auf wie diese Motivationsstrukturen von Al Quaida genutzt werden, und wie man sie als Counterinsurgent zu eigenen Zwecken nutzen kann. Untermauert wird das Ganze durch Fallbeispiele aus seiner eigenen Erfahrung sowohl als aktiver Soldat (der australischen Armee) als auch aus seiner Zeit als COIN-Berater (v.a. für General Petraeus) im Irak und in Afghanistan. Petraeus vertraut dem Mann – wenn das keine Referenz ist.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:55:54 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #8 am: 08. April 2011, 14:58:16 »

Kilcullen, David: “Counterinsurgency”, Oxford University Press, Oxford/New York 2010.

Schon mal darüber nachgedacht, was die Gemüsepreise auf einem afghanischen Markt mit den Taliban zu tun haben? Oder dass es einen Riesenunterschied macht, ob ein entschärftes IED zuvor von einer Drohne oder von einem örtlichen Bauern entdeckt wird? Ich sehe fragende Gesichter. Also lest dieses Buch! „Counterinsurgency“ ist eine Zusammenfassung zahlreicher Arbeiten, Essays und Artikel, die Kilcullen über Jahre hinweg produziert hat. Zwar fehlt dadurch ein wenig der rote Faden, aber der Inhalt hat es trotzdem in sich. Von der Frage, wie man Fortschritt oder Rückschritt im Guerillakrieg mit sinnvollen Variablen misst (eben nicht getötete Taliban, sondern o.g. Gemüse), bis zu ganz konkreten Verhaltensratschlägen für den Mann am Boden (seine berühmten „28 Articles“) ist alles drin. Insbesondere diese „28 Articles“ sind wertvoll – ein Grund, warum die US Army sie als Anhang ins Counterinsurgency Field Manual FM 3-24 übernommen hat. Wenn man keine Zeit hat, zehn Bücher zu lesen, weil man in Kürze nach Masar oder Kundus in Marsch gesetzt wird, dann nehme man dieses eine Buch, und wenn man keine Zeit für das ganze Buch hat, dann rupft man sich einfach das Kapitel „28 Articles“ raus: Lesen und Merken, am besten am Mann tragen!


« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:56:12 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #9 am: 18. April 2011, 11:45:36 »

Corum, James S.: “Bad Strategies. How Major Powers Fail in Counterinsurgency”, Zenith Press, Minneapolis 2008.

Wer wissen will, wie man´s nicht macht, sollte dieses Buch lesen. James Corum analysiert fehlgeschlagene Counterinsurgency-Feldzüge der Vergangenheit, wie z.B. den amerikanischen Vietnamkrieg oder die französischen Operationen in Indochina sowie Algerien, und zeigt detailliert auf welche Fehler wo und wie gemacht wurden, und welche negativen Folgen dies hatte. Er zeigt abschließend daraus die Schlussfolgerung, welche Grundsätze man bei COIN stets beachten sollte, und welche Handlungsweisen generell zu vermeiden sind, da sie höchstwahrscheinlich zum Misserfolg führen werden. Zu wissen, dass etwas schief gelaufen ist ist eine Sache, zu wissen warum es schief gelaufen ist ist jedoch wesentlich wichtiger um die Lehren daraus zu ziehen.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:56:34 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #10 am: 03. Mai 2011, 14:15:43 »

Ricks, Thomas E.: “Fiasco: The American Military Adventure in Iraq, 2003 to 2005”, Penguin Press, New York 2007.

Apropos “schief gelaufen”, hier haben wir ein konkretes Beispiel. Ricks beschreibt in diesem Buch den Irakkrieg, besser gesagt dessen erste und zweite Phase: die Invasion 2003 bis zum Sturz des Saddam-Regimes und den Beginn des Guerillakrieges danach sowie die laufende Verschlechterung der Lage bis 2006. Ricks zeigt unmissverständlich die Gründe hierfür auf, von falschen Erwartungen über Realitätsverweigerung zu falschen Entscheidungen. Alles, was in diesem Krieg zu Anfang falsch gemacht wurde, findet man hier detailliert wieder, mit genauen Erklärungen, warum es dazu kam und welche Folgen es hatte.
Sehr zu empfehlen in Kombination mit seinem anderen Buch hierzu.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:56:59 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #11 am: 03. Mai 2011, 14:22:29 »

Ricks, Thomas E.: „The Gamble. General David Petraeus and the American Military Adventure in Iraq, 2006-2008”, Penguin Press, New York 2009.

Der gleiche Autor, der gleiche Krieg, andere Kriegsphase, völlig anderes Buch. Im Jahr 2006 erreicht der Irakkrieg seinen Tiefpunkt, religiöse Spannungen drohen in einen ausgewachsenen Bürgerkrieg zu münden. Ricks zeigt auf, wie die Bush-Administration in dieser verzweifelten Lage ihre Vorbehalte notgedrungen über Bord warf und alles auf eine Karte setzte (daher „Gamble“) um noch mal das Glück zu wenden. Und Ricks zeigt minutiös, wie vor allem ein Mann dies zu Stande brachte. General Petraeus übernahm das Kommando im Irak, drehte die Strategie auf den Kopf, verlangte und erhielt mehr Truppen, setzte diese ein um die Bevölkerung zu schützen und ihr Vertrauen zu gewinnen – mit Erfolg. In einer kaum für möglich gehaltenen Wende gelang es den USA, die Lage im Irak zu stabilisieren, die Stämme auf ihre Seite zu ziehen, Al Quaida im Irak zu schlagen und so die Bedingungen für eine Übergabe an die irakische Regierung zu schaffen. Wie dies gelang, und wie oft es auf der Kippe stand, kann man hier genau nachlesen.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:57:22 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #12 am: 03. Mai 2011, 14:22:55 »

West, Francis J. Jr. „Bing“: “The Strongest Tribe. War, Politics, and the Endgame in Iraq”, Random House, New York 2009.

Anderer Autor, gleicher Krieg, gleiche Kriegsphase (Surge und danach), völlig anderes Buch. Während Ricks vor allem die politischen Entscheider und Generäle ins Auge nimmt, richtet  „Bing“ West den Blick auf die Soldaten am Boden. „The Strongest Tribe“ ist eine Ode an den einfachen irakischen und amerikanischen Soldaten oder Stammeskämpfer, eine tiefe Schilderung ihres mühseligen, komplizierten und lang dauernden Kampfes gegen AQI und andere Extremisten. West zollt jenen den gebührenden Respekt, deren Namen nicht in den Nachrichten erscheinen, und lässt den Leser den Krieg durch ihre Augen sehen. Sein Credo: unsere Soldaten sind keine Opfer, sondern Helden, denn sie waren es, die diese Sache gedreht haben, und nur durch ihren Kampf konnte Al Quaida im Irak besiegt werden. Ein gutes Buch mit einer sehr interessanten Perspektive „von unten“.
« Letzte Änderung: 07. Juli 2011, 14:57:53 von schlammtreiber »
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #13 am: 20. Juni 2011, 15:29:51 »

Brinkmann, Sascha/Hoppe, Joachim (Hrsg.): „Generation Einsatz. Fallschirmjäger berichten ihre Erfahrungen aus Afghanistan“, Carola Hartmann Miles Verlag, Berlin 2010.

Eine Sammlung kurzer Erlebnisberichte deutscher Fallschirmjäger aus Afghanistan. Das Buch umfasst eine Vielzahl verschiedener Verwendungs- und Tätigkeitsbilder, sowie örtlich und zeitlich verschiedene Einsätze, von den ersten Stunden in Kabul bis zum Norden Afghanistans. Lediglich die Ereignisse nach dem Strategiewechsel Ende 2009 und die dramatischen Kämpfe im Jahr 2010 fehlen – logischerweise, da das Buch vorher zusammengestellt wurde. Dennoch empfehlenswert für jene, die sich ein Bild aus der Perpektive des „kleinen Soldaten“ machen wollen.
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Re:Literatur zu Afghanistan, Guerillakrieg, Guerillabekämpfung
« Antwort #14 am: 20. Juni 2011, 15:30:19 »

Creveld, Martin van: „Gesichter des Krieges. Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute“, Siedler, München 2009.

Wie der Titel sagt umfasst das Buch gut 100 Jahre Kriegführung – für unser Thema interessant sind die letzten Kapitel. Der Autor stellt hier die These auf, dass Aufständische entweder mit brutaler und gnadenloser Härte besiegt werden müssen (als Beispiel wählt er die Vernichtung von Hama durch Assad senior), oder man ihren Aufstand mit minimalster Gewaltanwendung und unter Inkaufnahme eigener Verluste „aussitzen“ muss (Beispiel hier die britischen Bemühungen in Nordirland). Jeder Mittelweg führe unweigerlich in die Niederlage, und hier wählt er als Beispiel den aktuellen Irakkrieg. Dass er sich mit diesem Beispiel quasi selbst widerlegt, konnte der Autor zur Drucklegung noch nicht wissen. Interessant ist das Buch vor allem deshalb, weil es vorführt, wie verführerisch einfach und logisch schwarz-weiße Lösungen klingen. Ganz oder gar nicht, so oder so, aber das graue Mittelding ist unschön und kompliziert, muss daher schlecht sein. Sozusagen eine Impfung für das intellektuelle Immunsystem.
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