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Autor Thema: Hilfe- mein Soldat ist nach dem Einsatz was merkwürdig.  (Gelesen 3089 mal)

ulli76

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Nachdem wir ja schon die nicht so ganz ernst gemeinte Taschenkarte mit Tips für Angehörige von Rückkehrern verlinkt haben, hier noch ein etwas erster gemeinter Beitrag:

Euer Soldat wird sich nach der Rückkehr aus dem Einsatz mit großer Wahrscheinlichkeit etwas merkwürig verhalten. Die gute Nachricht: In den meisten Fällen ist dies völlig normal und erklärt sich einfach aus der Umstellung von Einsatz- auf Zivilleben. In den meisten Fällen gibt sich das auch mit der Zeit.
Ich lass den Thread extra mal offen, damit ihr die Sammlung ergänzen könnt.

Die Lage im Einsatz: Also euer Soldat wird dort ein Leben gehabt haben, was mit dem zu Hause nicht vergleichbar ist. Und für ihn war das ziemlich normal. Je nach dem wo er war und was er gemacht hat, ist die Umstellung natürlich mehr oder weniger groß.

- Das Ganze kann schon bei der Abholung am Flughafen los gehen. Größere Menschenmengen, viel Licht und Lärm können eine Reizüberflutung darstellen. Solange er nicht eine ausgewachsene Panikreaktion zeigt, sondern er nur irritiert oder angespannt ist, braucht ihr euch erstmal keine allzu große Gedanken zu machen

- Wenn euer Soldat selber Auto fährt: Gerade wenn er im Einsatz Kraftfahrer war, werden sich merkwürdige Verhaltensweisen zeigen: Je nach dem wo er unterwegs war, wird er sich erstmal an unübersichtliche Verkehrsverhältnisse mit viel Licht und vielen Autos, Ampeln etc. gewöhnen müssen. Wundert euch nicht, wenn ab und an mal in die Mitte der Fahrbahn fährt- dort ist das für Soldaten normal und sogar lebensnotwendig. Es kann passieren, dass er nervös wird, wenn die Straße leer ist- das ist in Einsatzländern oft ein Zeichen für einen bevorstehenden Anschlag. Auch nicht wundern, wenn er eine etwas ähm robustere Einstellung zu anderen Verkehrsteilnehmern und Verkehrsregeln zeigt. Auch wenn man angehalten ist, im Einsatz nicht wie die gesengte Sau zu fahren, sind andere Verkehrsteilnehmer eine potentielle Gefahr und werden je nach deren Fahrweise und eigenem Fahrzeug einfach weggedrängt. Wenn euch euer Soldat etwas berichtet, dass er das Gefühl hat, dass er in nem Go-Cart sitzt- nicht wundern, das Fahrzeug,was er im Einsatz gefahren ist, war sehr wahrscheinlich gepanzert, größer und schwerer (besonders bei ISAF-Soldaten).

- Wahrnehmung der Umgebung: Wer mehrere Monate lang auf Details in der Umgebung achten musste, wird dieses Verhalten eine Weile beibehalten: Das fängt auf normalen Straßen an- gerade ein ISAF-Soldat wird ständig auf der Suche nach Anzeichen für Sprengfallen sein- sei es Gegenstände am Straßenrand oder Straßenbauarbeiten. Im gewissen Maße ist das normal- achtet einfach auf seine Reaktionen und macht euch nicht drüber lustig. Beispiele sind z.B. VP (sog. vulnerable points- also Stellen, die sich besonders für Anschläge eignen) Das können Brücken sein, Überfühungen, Senken etc. Selbst mir fallen eben Gegenstände am Straßenrand auf und im Urlaub ist mir wirklich aufgefallen, dass ich so Dinge wie Straßenbauarbeiten, Verlegung von Rohren an Straßen etc. anders wahrnehme als andere. Lasst es euch einfach erklären- euer Soldat wird dankbar sein, dass ihr das ernst nehmt. Besonders aufhorchen solltet ihr allerdings, wenn er dabei regelrechte Schweissausbrüche bekommt oder ihr das Gefühl habt, dass er das nicht nur wahrnimmt, sondern in den Einsatz zurückkatapultiert wird- vor allem wenn sich das nicht nach ein paar Wochen bessert.

Laute, plötzliche Geräusche sind für viele Soldaten unangenehm, da sie oft mit einer potentiellen Gefahr verbunden werden.
Viele Soldaten haben einen ausgeprägten Beschützerinstinkt- das kann sich natürlich auch im Verhalten gegenüber euren Kindern niederschlagen. Plötzliches Verschwinden, Personen, die sich den Kindern nähern, potentielle Gefahren können zu Überreaktionen führen.

Einkaufen: Nach meinem ersten Einsatz (UNOMIG in Georgien) hab ich beim ersten Einkauf in nem größeren Einkaufszentrum nen regelrechten Flash bekommen. Die einzigen Einkaufsmöglichkeiten, die wir hatten, waren der einheimische Markt, nen Tante-Emma-Laden und Internet. Was man oft auch nicht bedenkt- die ganze Beleuchtung, Werbung, Geräuschpegel hat man im Einsatz oft nicht.
Also ich ab in das Einkaufszentrum und war erstmal genau davon überfordert- Licht, Geräuschteppich, Werbung und im Laden selber- eine Riesenauswahl- alleine das, was es an Joghurt gab, war größer als die gesamte Kühltheke im Tante-Emma-Laden im Einsatz.Hat sich dann aber nach sehr kurzer Zeit wieder gegeben. Und evtl. euren Soldaten nicht gerade am ersten Samstag in die Fussgängerzone zum Shoppen schleppen- kann sein, dass das etwas viel ist.

Schlafen: Nicht wundern, wenn sich euer Soldat erstmal wieder dran gewöhnen muss, dass ihr neben ihm liegt. Oder einfach auch die Umstellung auf normales Bett mir normaler,eigener Bettwäsche. Er wird sich auch dran gewöhnen, dass jetzt andere Geräusche normal sind. Oder einfach daran, dass es sehr viel leiser im Schlafzimmer ist.

Rückzug: Einsatz hat entscheidende Vorteile: Soldange man da ist, ist man oft beschäftigt und einiges ist einfach normal. Es kann nach dem Einsatz passieren, dass der Soldat erstmal etwas Ruhe braucht um das für sich zu sortieren. Das geht nicht gegen euch und hat auch in der Regel nichts mit euch zu tun. Das was sie dort erlebt haben, müssen sie erstmal selber verarbeiten und sie werden sich damit oft erstmal nicht mit jemandem austauschen, der nicht mit dabei war.
Einiges davon ist sehr intim- manche sprechen später mit nahen Angehören drüber, manche nie. Fragt ihn erstmal nicht, was genau er erlebt hat und fragt ihn niemals, ob er getötet hat (falls das rein von der Verwendung in Frage kommt) und akzeptiert, dass es Dinge gibt, die er nur mit seinen Kameraden teilen kann. Vor einigen Bildern und Erlebnissen wird er euch auch sicher schützen wollen.
Es kann auch sein, dass sich sein Weltbild geändert hat und er Dinge in Frage stellt, die vorher selbstverständlich waren. Kann auch sein, dass er das mit euch nicht teilen kann oder will- einfach weil ihr das "normale" Leben weitergeführt habt und er davon ausgeht, dass ihr es nicht versteht.
Manchmal braucht er auch einfach etwas Erholung und viel normales Familienleben- einfach um vom Stresslevel wieder runter zu kommen und den Akku aufzuladen. Deswegen auch Vorsicht vor allzu vielen Aktivitäten unmittelbar nach Rückkehr.

Umgang mit euren Problemen: Von vielen Einsatzrückkehrern kommt früher oder später nen Spruch in die Richtung: "Ihr wisst gar nicht, wie gut es euch geht. Über was ihr euch wieder Gedanken macht." Das ist meistens nicht böse gemeint, sondern liegt an seinen Erfahrungen, die er gemacht hat.
Er wird sehr wahrscheinlich nicht mit allzu viel Empathie reagieren, wenn ihr in epischer Breite davon berichtet, dass der Stromversorger angekündigt für 2 Stunden mal den Strom abgeklemmt hat. Er hat gesehen, dass durchgehende Stromversorgung keine Selbstverständlichkeit ist und wird wahrscheinlich regelmäßig Stromausfälle erlebt haben. Sowas sind für ihn erstmal keine größeren Probleme und er geht oft recht gelassen mit sowas um. Was allerdings Probleme machen kann, ist dass er nicht unbedingt versteht, wie man sich über sowas aufregen kann. Da er wahrscheinlich eh schon auf einem höheren Stresslevel fährt, kann sein, dass er dann etwas austickt.
Macht ihm tunlichst deswegen keine Vorwürfe und versucht das bei Gelegenheit in Ruhe zu besprechen.

Ein ähnliches Phänomen betrifft bürokratische Abläufe und wenn er das Gefühl habt, dass ihr Dinge kompliziert. Auch wenn man der Bundeswehr überbordende Bürokratie nachsagt- gerade im Einsatz ist in der Regel Handeln, Anpacken,Organisieren gefragt. Genauso nicht über die Ausdrucksweise wundern- er war da mit Masse mit Männern und so gut wie ausschließlich mit Soldaten zusammen- und zwar mehrere Monate mit mehr oder weniger den gleichen Leuten. Themen werden oft der Einsatz, Actionfilme (gute Nachtricht: auch Familie) gewesen sein. Die Umstellung auf ein Gespräch mit Tante Hertha- 70 Jahre, Hanseatin, Greenpeace-Unterstützerin und ehemalige Deutschlehrerin braucht dann etwas.

Noch ein paar kleinere Verhaltensweisen: Viele Soldaten fassen sich in den ersten Tagen an den Oberschenkel, Hüfte oder andere Körperteile.Ganz einfach Erklärung: Dort waren Pistole, Funk etc zu finden. Wenn im Einsatz am Oberschenkel plötzlich Leere war, konnte das bedeuten, dass die Pistole irgendwo lag, wo sie nicht hin gehört (z.B. aufm Klo)- ist ein bischen nen Reflex, da regelmäßig zu schauen, ob die wichtigen Dinge noch da sind mit einem entsprechenden Schreck, wenn da nix ist. Das gibt sich aber oft nach kurzer Zeit.

So, das waren mal die Wichtigsten Dinge, die mir eingefallen sind: Wie gesagt- in den meisten Fällen normalisiert sich das nach ein paar Wochen- deswegen machen wir z.B. den PTBS-Fragebogen auch erst 6-8 Wochen nach Rückkehr.
Sollten massive Probleme auftreten, wie Panikattacken, Flashbacks, ständige Alpträume, völliger Rückzug, übermäßiger Alkoholkonsum etc. und erst recht, wenn sich das nicht nach und nach deutlich bessert, dann kann das ein Hinweis auf ein behandlungsbedürftiges Problem sein. Versucht eurem Soldaten das möglichst einfühlsam klar zu machen, versucht ihn zum Truppenarzt, Sozialdienst, Psychologen, Militärseelsorger zu bekommen. Ein erster Schritt wäre notfalls nen Gespräch mit einem Peer (das sind Soldaten aus der Truppe, keine Sanis, die in psychischer Erster Hilfe besonders geschult sind).
Als grobe Regel kann man sagen: Solange die Verhaltensweisen nur merkwürdig wirken und beide Seiten darüber schmunzeln können(evtl. etwas so wie bei Loriot), ist das ein gutes Zeichen. Wenn es dauerhaft das Familienleben und/oder die Beziehung belastet, sollte man hellhörig werden.

Die Ausführungen gelten natürlich sinngemäß für weibliche Soldaten und ihre Partner. Ebenso wie Familienangehörige wie z.B. Eltern.

Ich würde mich freuen, wenn ihr eure Erfahrungen hier teilt.
« Letzte Änderung: 20. Oktober 2012, 12:49:23 von ulli76 »
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Tommie

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Antw:Hilfe- mein Soldat ist nach dem Einsatz was merkwürdig.
« Antwort #1 am: 20. Oktober 2012, 13:57:10 »

OK, ich erkenne mich in diesen Aussagen schon ein Stück weit wieder ;) ! Heisst im Klartext, dass ich einige dieser erwähnten Verhaltensweisen laut Aussage meiner Frau durchaus auch schon an den Tag gelegt habe! Aber richtig aggressiv bin ich auch einmal geworden! Und die Begründung kommt hier:

In der Fußgängerzone in unserer Innenstadt stehen an allen Zufahrten Hinweise, dass das Radfahren in der Fußgängerzone nicht gestattet ist und auch entsprechend von den "Stadtbütteln" mit Ordnungsgeldern "belohnt" wird. Und für Akademiker ist das ganze noch einmal in Piktogrammen dargestellt :D ! So sollte man also davon ausgehen, dass es eigentlich jeder verstehen kann.

Na ja, wir gehen ins Städtle rein und betreten die Fußgängerzone um dort bergauf in Richtung Marktplatz zu laufen. Von oben kommt ein Mountainbike-Fahrer in absolut irrem Tempo runter gebrezelt und steurert quasi direkt auf meine kleine Tochter, damals ca. 5 Jahre alt, zu. Da bin ich komplett ausgetickt und habe den Radfahrer mit dem, was man im Eishockey wohl "Crosscheck" nennt, von seinem fahrbaren Untersatz getrennt und ihn aufs Kopfsteinpflaster gelegt. Der Radler wollte aggressiv reagieren, aber ich stand sofort über ihm, habe ihn am Kragen gepackt und angeranzt: "Sag nur einen Ton! Gib mir einen Grund, Dir hier und jetzt so richtig die Fresse zu polieren! Komm, mach schon!" Er hat mir total entsetzt in die Augen geschaut und wohl erkannt, dass ich gerade nicht wirklich zu Späßchen aufgelegt bin und sofort klein bei gegeben.

Nach einer Belehrung von mir, was ich mit ihm machen werde, wenn er noch einmal in meiner Anwesenheit gegen das Radfahr-Verbot in der Fußgängerzone verstoßen würde, durfte er sich dann entfernen.

Ok, ein paar Leute haben mich seltsam von der Seite angesehen, aber ein paar ältere Herrschaften, die wohl auch schon unter diesen ignoranten Radlern zu leiden hatten, haben beifällig genickt!

Das ist allerdings auch der einzige überlieferte fall, in dem ich wohl etwas übertrieben reagiert habe! Aber im Großen und Ganzen stimmt es schon, dass man in den ersten paar Tagen oder Wochen noch ein wenig "Anpassungsstörungen" nach der Rückkehr in die zivilisierte Welt hat. Und es stimmt selbstverständlich auch, dass diese nach einem ISAF-Einsatz am ausgeprägtesten sind!
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Achmed, the Dead Terrorist
 

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